Freundschaft in zeiten von corona

Man könnte meinen, gerade in diesen Zeiten ist Freundschaft eine der wichtigen Sachen in unserem Leben, die uns Trost und Kraft spenden kann. Und das unabhängig davon, welche Meinung man vertritt oder wie man zu den aktuellen Anti-Corona Maßnahmen steht. Ab dem 1. November ist ein Treffen mit Familie oder einfach einem Freund eine der wenigsten Sachen, die im Sozialleben noch zugelassen sind. Es wurde uns schon so viel weggenommen und wir mussten in kürzester Zeit auf Vieles verzichten. Ich denke, es hängt stark von der Persönlichkeit ab, wie wir mit diesen Einschränkungen zurechtkommen. Besonders die aufgeschlossenen, energievollen und unternehmenslustigen Menschen dürften die Gebote bzgl. Reisen, Gesichtsbedeckung, Feier oder Restaurantbesuche schwerer treffen als die anderen. Irgendwie geht im Leben dadurch die “Leichtigkeit und der Spass” verloren, wenn wir bei jedem Schritt daran erinnert werden, dass unsere persönliche Freiheit eingeschnitten wird und wir Dinge nicht tun dürfen, die wir seit immer schon für selbstverständlich hielten. Für mich persönlich gibt es da 2 Sachen, die mich von dem Thema Corona wegbringen: die Zeit mit meiner Familie im Freien oder Treffen mit meiner(n) besten Freunden.

Ein Beitrag in einer vor ein paar Tagen gehörten Radiosendung hat mich deswegen schockiert, da die Journalistin und eine befragte Psychogin genau das hinterfragen, ob Freundschaft angesichts der Meinungsunterschiede bzgl. der aktuelle Corona Situation überhaupt noch Bestand hat.

Ganz konkret ging es bei dem ENERGY Radiosender um ein Interview, in dem die Moderatorin sich über ihre Auseinandersetzung mit Freunden mit einer Psychologin unterhält und sie um Rat bittet, was sie denn in dieser Situation am Besten tun soll. In dem Gespräch haben die Freunde der Moderatorin verkündet, in Urlaub fliegen zu wollen, worauf sie richtig empört reagiert hat. Sie fand es egoistisch und schlichtweg nicht angemessen. Ihr Kommentar war ungefähr so: “Hallo? Urlaub? Was denkt ihr euch überhaupt dabei? Seht ihr nicht dass wir eine Pandemie haben – wieso musst ausgerechnet jetzt verreisen? Geht es noch?” Es war für sie offensichtlich nicht nachvollziehbar, warum die Freunde eine Auslandsreise beabsichtigen (übrigens, lag ihre Verwunderung nicht daran, dass es sich um ein Risikoland oder gar verbotenes Reiseziel handelte – es war einfach grundsätzlich unverständlich für sie). Die Moderatorin lud also die Psychologin ein und bat sie um einen Rat, wie sie angesichts dieses Meinungsunterschieds mit den Freunden sprechen sollte bzw. wie sie sie davon abhalten soll, abzureisen.

Die Psychologin hatte 2 Vorschläge für die ratlose Frau, ohne zu erwähnen, dass ein Meinungsunterschied im Thema Reisen eigentlich ziemlich normal sei und dass es schon im Leben mal vorkommt, dass manche lieber verreisen und manche gerne daheim bleiben ( ganz pragmatisch gesehen, welchen Unterschied macht es für Corona-Ansteckungsrisiko, ob man im Flieger nach Griechenland in seiner super Safe-Maske 2 Stunden sitzt um im Anschluss 1 Woche in deinem airbnb-Apartment mit der Familie chillt bzw. am leeren Strand abhängt oder ob man Zuhause sitzt, spazieren geht, sich gelegentlich mit Freunden trifft, mal ins Restaurant geht (war ja noch vor dem Lockdown) oder im vollen Supermarkt an einem Freitag-Nachmittag seinen Einkauf macht? Aus meiner Sicht keinen!). Jedenfalls hatte die Psychologin 2 folgende Vorschläge, wie man diese Freundschaftskrise lösen kann:

  1. Die Moderatorin soll doch einfach in Ruhe mit ihren Freunden über die Gründe dieser “kontroversen” Entscheidung sprechen – vielleicht handeln sie aus Angst und Sorge, aufgrund der Anti-Corona Maßnahmen ihren Job zu verlieren – und eine Reise sei doch eine schöne Ablenkung und Möglichkeit, sich ein bisschen Spass und Ablenkung zu gönnen. Vielleicht, wenn man mit den Freunden über ihre Sorgen spricht, kann man denen auch erklären, dass eine Reise sich doch “nicht gehört” und dass man lieber daheim bleiben sollte, wo es schön, gemütlich und SICHER ist. Und man ist dann solidarisch und verantwortungsbewusst, was doch auch ein schönes Gefühl gibt und und dazu motivieren kann, die “verrückten” Reise-Ideen doch erstmal lieber sein zu lassen.
  2. Wenn die Freunde diese Argumentation nicht einsehen, dann war aus Sicht der Psychologin die Freundschaft richtig auf Probe gestellt. Hier musste ich schlucken, als ich folgendes Kommentar gehört habe: “Wenn ihr euch bei einem so kritischen Thema nicht einigen könnt und die Freunde Ihre Argumente einfach ignorieren, sollten Sie lieber über die Zukunft dieser Freundschaft ernst nachdenken. Vielleicht sind gerade diese Freunde für diese Lebensphase nicht optimal und es ist doch besser auf manche Beziehungen ggf. zu verzichten und sich vielleicht doch jemanden besseren zu suchen – Jemanden der uns gut tut und auf uns hört”!!!???

Natürlich kann ich hier die Aussage nicht zu 100% genau zitieren, aber ich denke ich habe die Bedeutung und Intention der Psychologin ziemlich exakt wiedergeben. Jetzt verstehen vielleicht manche von euch, warum ich schockiert war. Es ist doch völlig normal, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben, auch beste Freunde (bzw. gerade beste Freunde müssen doch mit gegenseitigen Respekt Meinungsunterschiede ausdiskutieren können). Solche Auseinandersetzungen können viel drastischere Themen betreffen, wie das Leben und Tot (Abtreibung, Euthanasie) oder Glaube und trotzdem respektiert man als Freund diese Unterschiede, und bricht alleine deswegen die Freundschaft nicht ab. Zumindest so funktioniert es in meinem Freundeskreis.

Diese Aussage im Radio hat mich sehr bewegt, da ich allgemein das Gefühl habe, dass die aktuelle Situation stark polarisiert. Menschen wollen teilweise nicht mehr miteinander sprechen bzw. hören nicht auf Argumente anderer. Natürlich handelt es sich um eine in manchen Fällen sehr schwer verlaufende Krankheit, daher darf das Risiko und das Leid der Menschen nicht ignoriert werden. Trotzdem sind viele Aspekte der Pandemie weiterhin nicht vollständig erforscht – es gibt auch in einzelnen Ländern sehr unterschiedliche Strategien, wie man gegen den Virus kämpft. Also ist es auch aus meiner Sicht nachvollziehbar und sogar notwendig, dass eine offene Diskussion stattfindet, um die Maßnahmen kritisch zu hinterfragen und zu überarbeiten – im Interesse aller Menschen- unserer Lebensqualität, der Wirtschaft und unserer Zukunft. Für die Diskussion braucht man Meinungsdifferenzen und verschiedene Blickwinkel – nur so kommt man auf neue Ideen und vielleicht entscheidende Lösungen im Kampf und Umgang mit dieser neuen Bedrohung.

Man könnte diese Sendung eine Panne nennen – nicht desto trotz bin ich sogar dankbar, auf das Gespräch bei meiner Autofahrt gestoßen zu haben. Es öffnete mir noch weiter die Augen auf die Tatsache auf, dass besonders in Sachen Corona die Informationen in den Medien mit Vorsicht und gewisser Skepsis betrachtet werden sollten und dass eine objektive Diskussion und kritische Betrachtung immer ein Mehrwert bringt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

You May Also Like
Read More

denke ich zu viel? – gerade in dieser Zeit ein muss-buch für hypersensible

Das ist für mich die Frage aller Fragen, die ich mir jeden Tag mindestens einmal stelle. Diejenigen von euch, die ihre Hypersensibilität oft mit viel Mühe durch den Alltag mit sich tragen, kennen diese Frage sehr gut. Aber wie lautet die Antwort: denke ich zu viel, zu wenig, oder ist es genau richtig? Die Autorin des Buches, das ich euch hier vorstellen möchte, scheint die Antwort gefunden zu haben. Es kommt nämlich nicht unbedingt darauf an, weniger zu denken, sondern es genauer zu verstehen und zu lernen, damit besser umzugehen. Ihre Ideen beschreibt sie in dem brillanten Buch “Ich denke zu viel: Wie wir das Chaos im Kopf bändigen können”. (Ich persönlich habe das Buch auf polnisch gelesen, das Cover seht ihr im Titelbild dieses Beitrags).
Read More
Read More

gedanken in quarantäne

Wir sind seit 7 Tagen in Quarantäne: meine Tochter, weil ein Mädchen aus ihrer Klasse auf Corona positiv getestet wurde. Ich – weil ich in Polen, im Kreis meiner engsten Familie 76 Stunden verbracht habe. Ich habe dazu ein kleines Tagebuch geschrieben – den werde ich im nächsten Artikel veröffentlichen.
Read More