warum david lynch (und ich) meine heimatstadt lieben

Lodz (Lodsch) liegt genau in der Mitte von Polen, wird aber trotz der günstigen Lage durch die meisten Touristen meist umfahren. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass Lodz eine relativ junge Stadt ist und den klassischen „Altstadt“ Flair nicht hat. Es fehlt die mit großem „G“ geschriebene Geschichte der vielen Jahrhunderten mit Königen, Burgen, Rittern und dramatischen Kriegsgeschehen. Ich glaube Lodz ist hier in Deutschland nur einigen Fussballfans ein Begriff – ich kriege oft das Lied “Theo wir fahren nach Lodz” vorgesungen, wenn ich es erwähne, dass ich aus dieser Stadt stamme.

Lodz ist als eine der 3 größten Städte Polens ziemlich untypisch und nicht besonders populär. David Lynch sagte einmal in einem Interview für Süddeutsche Zeitung: “Dort gibt es großartige alte Textilfabriken. Ich liebe diese Ruinen, die alte Architektur und dieses graue, dicke, beinahe undurchsichtige Licht. Die Polen finden Lodz hässlich, in meinen Augen ist diese Stadt wunderschön.” Warum also sollte ich euch von meiner Heimatstadt erzählen? Und warum ist ausgerechnet der großartiger und kontroverse Regisseur David Lynch von Lodz so entzückt?

meine reise dahin

Ich habe es eigentlich gar nicht geplant, über Lodz hier im Blog zu schreiben. Ich tue es aber jetzt doch spontan, da ich in den letzten Tagen in die Heimat aus familiären Gründen reiste und hatte eine Idee. Da ich sowieso nicht viel machen kann (außer meine engste Familie besuchen und unterstützen), wollte ich mir Lodz mal wieder genauer anschauen – die Orte besuchen, die ich zwar kenne aber schon lange nicht mehr gesehen habe. Jetzt wirkte die Stadt natürlich sehr seltsam, verlassen und fast schon traurig. Als ob sie die jungen Menschen auf den Straßen vermissen würde. Damit wird sie aber nicht alleine sein – es geht ja vielen tollen Städten in jetziger Zeit so. 

leerer Zug von Warschau nach Lodz

Übrigens war meine Reise sehr unspektakulär – falls sich jemand gerade fragt, wie man eine Reise ausgerechnet jetzt plant, durchsteht und so erlebt. Es war sehr leer….langweilig fast. Mir fällt schon wieder das Wort „traurig“ ein. Verglichen zum Beispiel mit einem Wochenendeinkauf beim ReWe in Echterdingen, waren die Stunden zwischen Stuttgart und Lodz für mich sehr einsam und entsannt. Nach der Landung in Warschau hat es sich so angefühlt, als ob ich eine private Tour durch Flughafen gebucht hätte. Aber an sich ist das ganze einfach nur frustrierend und ein wenig verstörend sogar – der Anblick der leeren Flughäfen erinnerte mich immer wieder an Thriller und Sience-Fiction Filme, die von dunklen Zukunftsszenarien erzählen (die ich übrigens liebe!)

Aber zurück zur Lodz: wie gesagt, ich habe es mir vorgenommen, einen kleinen melancholischen Spaziergang in die Vergangenheit zu machen und es war so schön. Ich hoffe die Bilder, die ich gemacht habe, geben die Atmosphäre wieder.

Geschichte

Meine Heimatstadt hat in ihrer recht kurzen Existenz einen einmaligen Charakter entwickelt, den man sonst in meiner Heimat nirgendwo finden wird. Wenn man Lodz in einem Wort beschreiben würde, wäre es vielleicht: eine „Filmfabrik“. „Film“ – da Lodz eine unglaubliche Filmgeschichte hat, und die Film-Hauptstadt Polens ist. Aus Lodz bzw. von den Absolventen der dortigen Filmhochschule stammen DIE bedeutenden Filmwerke in der Geschichte Polens. Diese Tradition wird durch die herausragende Filmhochschule und Filmfestivals erfolgreich fortgesetzt.. „Fabrik“- da Lodz im großen Teil, bedingt durch die Entstehungsgeschichte, aus alten Textilfabriken besteht. Manche sind runtergekommen, mysteriös, grau und gruselig. Aus Manchen sind, im Rahmen großartiger Projekte, wahnsinnig interessante Locations entstanden.

Lodz ist hauptsächlich im Zuge der Industrialisierung im 19 J.h. mit ihrer Textilfabriken GROß geworden. Die Stadt galt allgemein als Manchester Polens. Einwohnerzahl stieg damals in wenigen Jahren von 1000 auf mehrere Hunderttausend. Ab Mitte des 19 Jahrhunderts wurde es erstmal erlaubt, dass sich Juden in der neu errichteten Fabrikstadt niederlassen, was einen großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Textilbranche in der Stadt hatte. Die größten Fabrikanlagen waren die von Louis Geyer, Carl Scheibler und Izrael Poznański. Bis jetzt kann man diese im Rahmen vieler aufwändiger Projekte aufgearbeitete Objekte bewundern. Kurz von Jahrhundertwende im 1899 eröffnete hier Polens erstes Kino, das Iluzjon (zu der Filmgeschichte in Lodz komme ich gleich).

In den letzten 50 Jahren hatte es Lodz nicht besonders leicht. Die Textilindustrie existiert mittlerweile fast nicht mehr, und es haben sehr viele junge Menschen auf der Suche nach besseren Karrierechancen meine Heimatstadt verlassen. Den Platz der Textilindustrie haben dafür junge dynamische Modemarken und Textilhandel übernommen – Lodz eignet sich also auch wunderbar zum Shoppen!

sehenswertes

Ich habe für euch noch ein paar Highlights zusammengestellt, die beim Besuch in Lodz eine Pflicht sind:

Museum der Kinematographie – die feinsten Regisseure (Oscar Preisträger und großartige Künstler) wie Krzysztof Kieslowski, Andrzej Wajda, Roman Polanski haben die Filmhochschule in Lodz absolviert. David Lynch hat hier sogar Inland Empire gedreht und sich nach einigen Besuchen (auch zum Anlass des damals in Lodz veranstalteten Camerimage-Filmfestivals) in die Stadt verliebt.

Piotrkowska Straße und “OFF” – die längste Einkaufs-Fussgängerzone in Europa, mit vielen prächtigen Beispielen für Architektur des Jugendstils und Klassizismus. Diese Straße, auf der ich mit meinen Freunden so viele unvergessliche Momente verbracht habe, repräsentiert und vereint für mich so viel: Geschichte, Jugend, Zusammenkommen, Entspannen, Kunst, Mode und vieles mehr. Mittlerweile liegt in der Piotrkowska Straße der Schwerpunkt auf Essen eher als Einkaufen – man findet hier unzählige Restaurants, die mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen und Preisniveaus keine Wünsche offen lassen. https://piotrkowskacenter.pl/en/

Manuafaktura und der Poznanski Palast – am nördlichen Ende von Piotrkowska Strasse liegt diese imposante Fabrikanlage mit einem Einkaufszentrum, Restaurants, Kinos und Museen. Das dürft ihr auf keinen Fall verpassen.

Ksiezy Mlyn – hier befindet sich im Herzen der Stadt die prachtvolle ehemalige Textilfabrik von Scheibler, die in großen Teilen zu attraktiven Lofts umgebaut wurde.

Monopolis – eine neulich wunderschön aufbereitete Spirituosenfabrik, die mit feinen Restaurants, Gallerien, Museum und einem Theater zum entspannen, feiern und genießen einlädt.

Lodzs Friedhöfe – ihr findet es vielleicht komisch, Friedhöfe als Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Ich kann es euch aber versichern, dass die beiden Lodz Friedhöfe (der neue jüdische und der alte Friedhof) äusserst atmosphärische Orte sind, wo man in Polens und Lodzs Geschichte eintauchen kann. Friedhöfe haben in Polen einen ganz anderen Status wie in Deutschland. Es sind oft sehr monumentale, ganzjährig gerne besuchte Orte (besonders crowdy und von tausenden Lichten erstrahlt sind sie natürlich an Aller Heiligen), wodurch die Friedhöfe in Polen (wie paradox eigentlich) so lebendig wirken…

Lodzs Lage in der Nähe von Warschau war nie unbedingt ein Vorteil – sagt man bei uns. Warschau dominierte immer sehr was Investitionen, Gehaltsniveau oder Touristen Zahlen angeht. Es ziehen viele Menschen aus Lodz nach Warschau um. Ich bin trotzdem zuversichtlich, Lodz kann sich behaupten und wird immer attraktiver für junge Menschen. Es ist auch in letzten Jahren viel Spannendes in der Stadt passiert – besonders was Infrastruktur, Unterhaltung, Architektur und Wohnraum betrifft. Ich zeige Lodz meinen Freunden immer sehr gerne und hoffe, auch deutsche Touristen schauen auf dem Weg von Krakau nach Warschau öfter in Lodz vorbei. Ich garantiere- es erwartet Euch “ein großes Kino” – und es lohnt sich.

monopolis

2 comments
  1. Well, very nice tour. I Confirm, lodz is one of the “Must See” places.
    Just one remark: one of described places is stary mlyn or ksiezy mlyn?

    Good job keep writing😐

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